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Mareia Claudia Lange

SoulrootsReflexionen

über Menschliches & Zwischenmenschliches

Körper — Psyche — Gefühle

Schwammige persönliche Grenzen


Besonders in der Kennenlernphase und in der Anfangsphase einer Partnerschaft sind viele Menschen bereit über irritierende Verhaltensweisen der anderen Person hinwegzusehen.

Auch über andere Einstellungen dem Leben gegenüber wird unter Umständen hinweggesehen. Bei vielen herrscht darüber Verunsicherung, wie starr die eigenen persönlichen Grenzen aufrechterhalten werden sollten.

Angst oder Fähigkeit?

Die Gründe für diese Grenzerweiterungen sind vielfältig. Manche haben Angst die andere Person zu verschrecken, wenn die eigene Position klar kommuniziert wird. Andere haben Sorge das Gegenüber zu verletzen und denken sich, dass sie sich ja keinen Zacken aus der Krone brechen, wenn sie nicht ihren Überzeugung oder dem was sie fühlen nachgehen. Schüren sie dadurch jedoch nicht falsche Hoffnungen im Gegenüber und verletzen dadurch nicht trotzdem, selbst wenn sie eine klare Ansage gemacht haben? Sagst du manchmal zu dir selbst: Ach, jetzt stell dich halt nicht so an. Ist ja halb so wild. Das wird schon. oder Wenn es ihm/ihr so wichtig ist, dann kann ich mich ja mal drauf einlassen.?

Diese größere Toleranz ist auch eine Fähigkeit und ist oftmals gespeist von einer größeren Bereitschaft des Mitgefühls für den/die AndereN. Es fällt leichter sich auf etwas einzulassen, was außerhalb der eigenen Komfortzone liegt. So lange noch keine gegenseitigen Verletzungen stattgefunden haben, ist mehr Offenheit und Vertrauen vorhanden.

Zu der Angst kommt die Unsicherheit, dass in der Kennenlernphase meist noch nicht klar ist, wo es überhaupt hingehen wird. Bleibt es beim Kennenlernen? Wird es vielleicht doch nur eine kurze Geschichte? Oder hat es das Potential für eine ernsthafte Partnerschaft? Auch dies zu klären ist bei vielen Angstbesetzt. Meistens sind es die Frauen, die sich schnell Klarheit wünschen, da sie sich häufig nach Sicherheit sehnen. Und die meisten Männer wünschen sich einen längeren Schwebezustand, in welchem sie sich nicht festlegen müssen. Männer fühlen sich in der Regel leichter unter Druck gesetzt, wenn die Frage in der Luft hängt oder gar direkt angesprochen wird, ob man sich jetzt als Paar definiert oder nicht. Sie wünschen sich meist viel Freiraum.

Ehrlichkeit mit sich selbst

Zunächst ist eine wirkliche Ehrlichkeit mit sich selbst notwendig. Es ist wichtig sich über die eigenen Werte klar zu sein und sich ehrlich einzugestehen, wo die eigene Toleranzgrenze liegt. Versuch ein mal dir drei bis fünf Eigenschaften/Gegebenheiten zu überlegen, die für dich absolute Ausschlußkriterien sind und drei bis fünf die unbedingt erfüllt sein müssen. Für manche wird es ein Ausschlußkriterium sein, wenn die andere Person raucht, eine bestimmte politische Ausrichtung hat oder im Leben finanziell nicht abgesichert ist. Für andere sehen die Kriterien ganz anders aus. Bei dem was unbedingt erfüllt sein muß, kann es sich beispielsweise um eine bestimmte sexuelle Ausrichtung handeln, dass die andere Person mit Konflikten auf eine bestimmte Art umgehen kann oder Hunde mag. Auch hier kann jedeR nur für sich spüren, was seins/ihrs ist.

Ich finde es sinnvoll sich über die eigenen Werte klarzuwerden, also die eigene Lebensausrichtung, die eigenen Vorstellungen darüber, was mir im Leben wichtig ist oder wie ich mein Leben und Partnerschaft leben möchte. Wenn eine Person nur für offene Beziehungen zu haben ist und die andere Person unbedingt eine geschlossene Beziehung leben möchte, dann wird das auf Dauer immer wieder zu Verletzungen und Konflikten führen. Ebenso, wenn eineR auf Umgangsformen sehr großen Wert legt und die andere Person der Überzeugung ist, dass sich jedeR ganz natürlich geben sollte und nichts zurückhalten muss. Versuche dir eine Liste zu machen, von maximal 20 Werten, die für dich entscheidend sind im Leben. Bringe diese dann in eine Reihenfolge. Was ist dir am allerwichtigsten, was ist dir zwar wichtig, du merkst aber, dass du eine größere Toleranzschwelle hast. Lege auch hier drei bis fünf Werte fest, bei denen dir klar ist, dass du davon nicht bereit bist abzuweichen. Solltest du Schwierigkeiten haben für dich wichtige Werte zu finden, dann empfehle ich dir in einer Suchmaschine die Stichworte Liste Werte einzugeben. Du wirst genügend Anregungen finden. Versuche es jedoch erst ein mal alleine.

Wenn irgendetwas von deinen Kriterien nicht erfüllt wird, dann ist es empfehlenswert dich erst gar nicht auf ein längeres Kennenlernen einzulassen, da es meiner Ansicht nach keine Zukunft hat. Tust du das nicht, dann sind Verletzungen vorprogrammiert. Entweder du wirst verletzt, die andere Person fühlt sich verletzt oder beide. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Ehrlichkeit mit dem/r Anderen

Nachdem du deine innere Klarheit gefunden hast, ist der nächste Schritt, im Miteinander herauszufinden, ob deine Kriterien erfüllt sind oder nicht und offen zu deinen Überzeugungen zu stehen. Das ist aus den schon zuvor genannten Gründen für viel Menschen schwierig. Wenn du dich am Anfang zu sehr verstellst, bist du jedoch weder zu dir noch zum Gegenüber ehrlich. Kein Wunder, wenn dann eher früher als später das böse Erwachen kommt.

Wenn du beispielsweise eine verbindliche Partnerschaft möchtest, dann finde heraus, ob die andere Person auch offen dafür ist, bevor du dich auf eine Nähe einläßt, für die du dich hinterher schämen würdest, wenn es doch nur eine kurze Geschichte bleibt. Spüre auch dort wieder deine Toleranzgrenze und halte and dieser fest, so schwer das auch manchmal fällt. Für jemand der offen ist wirkt es in der Regel attraktiv, wenn jemand klar für die eigenen Werte/Überzeugungen einsteht bzw. an den eigenen Prinzipien festhält. Und wer wirkliches Interesse hat, der gibt dir die Zeit die du brauchst.

Im Rausch der Hormone werden viele guten Vorsätze oft leichter über Bord geschmissen. Das ist nur menschlich. Glücklicherweise haben wir einen Verstand. Dieser kann sehr kraftvoll sein. Setze ihn ein, um willentlich so viel Kontrolle aufrechtzuerhalten, wie du brauchst, um dich weiterhin wohl in deiner Haut zu fühlen, auch noch Wochen später.

Wenn du dir unsicher bist, ob du etwas bestimmtes tun oder lassen solltest, dann setze dich mit folgenden Fragen ehrlich auseinander:

  • Würde ich mich, sobald sich der Hormonrausch beruhigt hat, ärgern oder traurig sein, wenn ich diese Gelegenheit hätte verstreichen lassen etwas zu tun, es also nicht getan habe?
  • Würde ich, sobald sich der Hormonrausch beruhigt hat, erleichtert sein oder sogar stolz auf mich, wenn ich es nicht getan habe?
  • Würde ich mich, nachdem der Hormonrausch abgeklungen ist, schämen oder wäre es mir anderweitig unangenehm, wenn ich es getan habe?
  • Würde ich mich freuen, auch nachdem der Hormonrausch abgeklungen ist, dass ich es getan habe?

Ich hoffe diese Fragen verhelfen dir zu mehr Klarheit.

Gegenseitige Achtung und Wertschätzung

Was wünschst du dir vom Gegenüber? Möchtest du, dass er/sie sich für dich verstellt, also dass er/sie vorgibt etwas zu sein, was er/sie nicht ist? Oder wünschst du dir jemanden, der dir reinen Wein einschenkt und zeigt wie er/sie wirklich ist? Bei wem fühlst du dich eher eingeladen dich ebenfalls offen zu zeigen, wie du bist? Bei wem fühlst du dich eher wertgeschätzt und geachtet?

Ich vermute, dass du dich mehr von jemandem geachtet und wertgeschätzt fühlst, der/die sich ehrlich zeigt, auch wenn es ihm/ihr schwer fällt. Dem/der Anderen geht es sicherlich ähnlich.

Habt also den Mut euch euch gegenseitig zu zeigen. Es ist eine lohnenswerte Investition und ein spannendes Abenteuer. Es eröffnet andere Möglichkeiten, wenn sich die Begegnung auf ein ehrliches Fundament aufbaut.

Ich wünsche dir viel Spaß beim anwenden und freue mich über Kommentare, Fragen und/oder Erfahrungsberichte. Nutze dafür das Kommentarfeld unter diesem Blogartikel. Und wenn du den Artikel magst, dann leite ihn gerne an andere Personen weiter. Vielleicht inspiriert es ja jemanden oder es ist genau das, was jemand gerade braucht.


Montag, 4.Januar 2016

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warum ich den Blog führe

Die Arbeit mit den Menschen die ich begleite, meine Partnerschaftserfahrungen, das Tango Argentino tanzen, alltägliche Erlebnisse und meine Reisen in andere Länder regen mich besonders zur Reflexion über Menschliches und Zwischenmenschliches an.
Einige meiner Reflexionen teile ich hier.

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