Blog

Mareia Claudia Lange

SoulrootsReflexionen

über Menschliches & Zwischenmenschliches

Körper — Psyche — Gefühle

Getanzter Dialog


Hast du manchmal den Eindruck du findest mit deinem Gegenüber im Dialog einfach nicht zueinander? Fragst du dich woran das liegen könnte?
Im Folgenden biete ich dir ein Gleichnis an, was hoffentlich ein wenig Entwirrung schafft und dafür sorgt, dass mehr Verständnis und Klarheit entsteht.

Führen

Stell dir vor, du gehst zu einer Paartanzveranstaltung, weißt nicht wie geübt die Tanzenden dort sind und forderst eine Person zum Tanz auf. Du bist die führende Person in diesem Gespann. Es ist ein Tanz in dem keine Schrittfolgen vorgegeben sind, sondern viele Einzelelemente bestehen und dir frei steht das zu führen, wonach dir gerade der Sinn steht.

Wie wirst du anfangen? Wirst du unmittelbar mit anspruchsvollen, „fortgeschrittenen“ Schritten und Folgen beginnen? Wirst du so bald als möglich dein gesamtes Repertoire einflechten? Oder nimmst du dir Zeit, dass ihr erst ein mal beieinander ankommen könnt und ein Gespür füreinander bekommt? Vermutlich beginnst du in diesem Fall eher mit einfachen Schritten und probierst zu erfühlen, wie deutlich oder fein deine Signale sein müssen, damit die folgende Person dich versteht. Nach und nach fügst du dann anspruchsvollere Elemente ein und wenn es gut fließt, wird es variationsreicher, vielleicht feurig oder spielerisch und auch mal eher ruhig.

Wie reagierst du, wenn die folgende Person nicht das macht, was du wolltest? Korrigierst du sie? Oder bleibst du ruhig und versuchst es noch mal? Vielleicht auf eine andere Art? Versuchst du es immer wieder oder läßt du es dann eben einfach sein und bleibst bei dem was klappt? Bist du flexibel genug dich auf dein Gegenüber einzustellen oder wirst du vehement oder unsicher, wenn deine Signale offensichtlich nicht ankommen?

Folgen

Und nun zu der anderen Seite. Wie ergeht es dir als folgende Person? Stell dir die gleiche Situation vor. Nur, dass du diejenige Person bist, die aufgefordert wird.

Wie verhältst du dich in dieser Situation? Stellst du sofort klar, wie lange du schon tanzt, ob du unerfahren oder erfahren bist? Oder läßt du das gemeinsame Tanzen erst einmal auf dich zukommen? Bist du nervös oder ruhig? Kannst du dich auf’s Folgen einlassen oder möchtest du eigentlich lieber die Führung übernehmen? Bist du angespannt oder entspannt?

Und wie reagierst du, wenn du mitbekommst, dass du etwas anderes verstanden und damit etwas anderes getanzt hast, als das was die führende Person wollte? Wie reagierst du, wenn du mitbekommst, dass ihr ein völlig unterschiedliches Level habt und du dich entweder über- oder unterfordert fühlst? Und wie ergeht es dir, wenn du den Eindruck hast, dass ihr nicht wirklich eine gemeinsame Sprache findet? Brichst du ab oder gibst du euch Zeit? Wie gehst du damit um, wenn du korrigiert wirst? Was tust du, wenn die führende Person etwas macht, von dem du meinst, dass es falsch ist? Korrigierst du die führende Person, läßt du es über dich ergehen und denkst dir deinen Teil oder erfreust du dich an dem, was funktioniert?

Respektvolles Miteinander

Nach meiner Erfahrung ist es hilfreich sich Zeit zu geben, um sich gegenseitig kennenzulernen. Das bedeutet, dass erst ein mal einfache Schritte und Elemente getanzt werden, so dass beide ein Gefühl füreinander entwickeln, eine Verbindung aufbauen und mitbekommen, wie deutlich oder fein der Führende führt und wie empfänglich die folgende Person ist. Die führende Person macht sozusagen Vorschläge und die folgende Person ist so freundlich dem zu folgen. Sie antwortet. Es braucht dabei eine große Aufmerksamkeit auf beiden Seiten. Offene Kritik und lehrerhafte Korrekturen empfinde ich dabei als unangebracht. Es verdirbt die Freude am gemeinsamen Tanz. Es braucht eine wohlwollende Offenheit. Wenn irgendetwas wirklich störend ist, dann muß ich nicht sagen: „Du machst das falsch. Du mußt das so und so machen.“ Sondern ich kann auch sagen: „Für mich ist es hilfreich, wenn du … machst (z.B.: aufrecht bleibst oder die Arme ruhig hältst), da es mir hilft … (z.B. stabil zu bleiben).“

Das Schöne im Paartanz ist, dass jedeR für sich selbst verantwortlich ist, also beispielsweise für die eigene Stabilität, und es trotzdem auch die Rücksicht auf den/die andereN braucht. Um bei der Stabilität zu bleiben. Ich bin für meine eigene Stabilität verantwortlich, sollte also möglichst schauen, dass ich weder zu steif, noch zu nachgiebig bin, sondern eine flexible Spannung habe. Gleichzeitig ist es wichtig, dass ich an meinem Gegenüber weder Ziehe noch Schiebe oder mich rauflehne. Das ist anspruchsvoll. Einen Paartanz tanzt man nicht alleine, sondern zu Zweit miteinander. Selbstverständlich darf und soll jedeR seine/ihre persönliche Note mit einbringen. Jede*r soll als Person präsent und spürbar sein. JedeR darf auch kleine Extraelemente, z.B. Verzierungen, einfließen lassen, so lange es ins Miteinander natürlich eingeflochten wird.

Es ist eine Kunst wirklich verbunden miteinander zu tanzen.

Zwei Welten treffen aufeinander, die eine gemeinsame Sprache finden müssen, damit es ein fließendes Miteinander wird, was Raum läßt für die verschiedensten Stimmungen.

Vom Tanz zum Dialog

Im Grunde genommen geht es auch in Dialogen (und auch im übrigen Miteinander) um einen solchen achtsamen, respektvollen Umgang.

Stell dir vor, zwei Welten treffen aufeinander. In jeder Welt wird eine eigene Sprache gesprochen. Vielleicht gibt es gleiche Wörter, aber die Bedeutung ist in der einen Welt eventuell eine ganz andere als in der anderen Welt, denn die Entstehungsgeschichte dieser Welt war eine andere. Auch hier geht es erst ein mal darum, einander kennenzulernen und herauszufinden, was das Gegenüber wie versteht oder meint. Ein Dialog ist ein Dialog und nicht ein Monolog. Es geht um einen Austausch der Beide berücksichtigt.

Was tust du, wenn klar ist, dass das, was du sagst gar nicht oder anders verstanden wird von deinem Gegenüber? Sagst du es betonter und vielleicht lauter? Oder sagst du dann vielleicht gar nichts mehr und denkst dir, es hat ja eh keinen Sinn? Oder fällt es dir leicht, dich auf dein Gegenüber einzustellen und andere Worte, Beispiele oder Bilder zu nennen? Oder wenn es dir nicht leicht fällt, bemühst du dich zumindest?

Wie reagierst du, wenn du etwas nicht verstehst oder nicht sicher bist, ob du es so verstehst wie es gemeint ist? Fragst du nach? Was machst du, wenn dein Gegenüber etwas sagt, mit dem du nicht übereinstimmst oder von dem du gar der Meinung bist es sei falsch? Korrigierst du oder kannst du deinem Gegenüber seine/ihre Welt lassen? Kannst du eine Offenheit und Neugier entwickeln die andere Welt kennenlernen zu wollen, auch wenn sie dir vielleicht erst mal fremd, diffus und unverständlich vorkommt?

Der Tanz im Dialog

Ich schlage dir vor deine nächsten Dialoge, auch solche mit Menschen, die du vielleicht schon lange kennst oder meinst sehr gut zu kennen, so zu führen, als ginge es darum offen und neugierig eine neue Welt kennenzulernen. Sei in einer Haltung des aufmerksamen Lauschens. Sei präsent dabei, also wirklich anwesend mit all deinen Sinnen. Und wenn du von dir erzählst, dann erzähle so, als wäre es eine fremde Welt für dein Gegenüber. Geh nicht davon aus, dass er oder sie automatisch all deine Worte gleich interpretiert wie du selbst es tust, sondern erkläre was du darunter verstehst und warum für dich etwas so und nicht anders ist.

Nehmt euch Zeit, um mitzubekommen, wieviel der/die andere versteht, fangt dabei mit einfachen Dingen an und werdet erst mit der Zeit komplexer. Seid geduldig miteinander. Es kann dauern diese andere Sprache der anderen Welt wirklich verstehen zu lernen. Manches Mal bist du vielleicht ungehalten, da es für dich so selbstverständlich ist. Denke jedoch daran, dass es erst ein fließendes Tanzen miteinander wird, wenn angenommen wird, dass jedeR dort ist, wo er/sie ist und beide offen dafür sind, sich aufeinander einzulassen und eine gemeinsame Sprache finden möchten, damit der gemeinsame Tanz so viel Spaß macht als möglich. Für gemeinsame Gespräche und auch den sonstigen Umgang miteinander gilt genau das Gleiche.

Und auch hier im Dialog (oder auch überhaupt im Miteinander) ist es, wie im Tanz, hilfreich offene Kritik sein zu lassen und sich auf das zu konzentrieren, was funktioniert. Wenn etwas wirklich störend ist, dann kannst du freundlich sagen, was warum für dich hilfreich wäre, wenn es wie anders gemacht würde. So entsteht ein Miteinander, in dem sich beide sicher fühlen und genügend Vertrauen entwickeln, sich für gewagtere Experimente zu öffnen.

Ich wünsche dir viel Spaß beim anwenden und freue mich über Kommentare, Fragen und/oder Erfahrungsberichte. Nutze dafür das Kommentarfeld unter diesem Blogartikel. Und wenn du den Artikel magst, dann leite ihn gerne an andere Personen weiter. Vielleicht inspiriert es ja jemanden oder es ist genau das, was jemand gerade braucht.


Dienstag, 24.November 2015

warum ich den Blog führe

Die Arbeit mit den Menschen die ich begleite, meine Partnerschaftserfahrungen, das Tango Argentino tanzen, alltägliche Erlebnisse und meine Reisen in andere Länder regen mich besonders zur Reflexion über Menschliches und Zwischenmenschliches an.
Einige meiner Reflexionen teile ich hier.

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