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Mareia Claudia Lange

SoulrootsReflexionen

über Menschliches & Zwischenmenschliches

Körper — Psyche — Gefühle

2 Wochen im Meditations“trainingslager”


Wer glaubt arbeiten oder ein paar Stunden am Tag Sport treiben sei viel anstrengender als zu meditieren, der war auf noch keinem Vipassana-Meditationsretreat.

Meditieren, das ist doch das stille rumsitzen und Nichtstun? Also alles ganz entspannt. Oder etwa nicht? Fehlanzeige.

Es gibt viele Menschen, die halten es noch nicht mal aus 5 Minuten still zu sitzen und nichts zu sagen. Sie bekommen entweder Hummeln im Hintern oder finden es einfach nur langweilig. Oder sie scheuen die Konfrontation mit dem was da aus dem eigenen Inneren plötzlich auftaucht – seien es Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen, alte Erinnerungen, (verdrängte) Unzulänglichkeiten etc. Sie wissen nicht, wozu diese Innenschau gut sein soll.

Mit dem Meditieren ist es so wie mit den meisten anderen Dingen auch: Übung macht den Meister. Vom Alltag abschalten und sich ganz auf den Moment einlassen will gelernt sein. Die Effekte sind oftmals nicht sofort zu spüren, zeigen sich aber für die, die eine regelmäßige Meditationspraxis entwickeln. Das können schon nur 10-20 Minuten am Tag sein, länger ist jedoch noch effektiver.

Studien u.a. an Buddhistischen Mönchen haben gezeigt, dass durch Meditation der Parasympathikus aktiviert wird – das ist der Teil des vegetativen (unwillkürlichen) Nervensystems der auch als Ruhe- oder Erholungsnerv bezeichnet wird. Besonders Menschen, die häufig gestresst sind, hängen oft im Sympathikus fest – dem Teil des Nervensystems welcher für Aktionsfähigkeit verantwortlich ist.

Es gibt viele verschiedene Formen der Meditation. Für mich bedeutet Meditation letztendlich, ganz im Moment zu sein, sich wirklich ganz dem zu widmen, was ich gerade tue – sei es still dasitzen, kochen, essen, spazieren gehen, nähen, tanzen, singen, joggen, Zähne putzen oder was auch immer – und das annehmen, was gerade ist, also nicht mit dem eigenen Schicksal zu hadern oder über die Zukunft oder Vergangenheit zu spekulieren oder sinnieren. Das ist eine hohe Kunst.

Es gibt allerdings auch ganz spezielle Meditationstechniken – meist finden sie im sitzen statt, bei manchen geht es auch um achtsames Gehen oder um Techniken die im Liegen praktiziert werden können.

Ich meditiere seit ca. 25 Jahren, in manchen Phasen mehr, in anderen weniger oder gar nicht. Die letzten 2 Jahre meditierte ich praktisch täglich ca. 20 Minuten – meistens in Form von inneren (Bilder)Reisen, die ich im sitzen praktiziere. Ab und zu praktizierte ich auch stille Sitzmeditation. Ich entwickelte dadurch über die Jahre eine innere Ruhe und Gelassenheit, die mir in Situationen zu gute kommt, in denen ich früher außer mir gewesen wäre, nervös, verunsichert oder ärgerlich. Nicht, dass ich davon heutzutage völlig frei bin, aber ich spüre ein tiefes Vertrauen in mir, dass sich auch auf Grund meiner Meditationspraxis und der inneren Reisen, in denen ich meinen Krafttieren und anderen Lehrerwesen begegne, entwickelt hat.

In einer meiner Meditationen hatte ich die klare Eingebung ein Vipassana-Retreat zu machen. Ich brach nicht gerade in Jubel aus, als ich diese Eingebung hatte, da ich wußte, dass dies bedeutet etwa 2 Wochen lang viele Stunden am Tag zu meditieren – in einem Wechsel aus Geh- und Sitzmeditation – ohne dabei in meine geliebte innere Bilderwelt einzutauchen. Es war für mich jedoch klar, dass ich dieser Eingebung so bald als möglich Folge leisten sollte.

Rahmenbedingungen der Vipassana-Meditation

Eine Freundin von mir empfahl mir ein Vipassana-Zentrum im Süden Deutschlands, welches die Vipassana-Meditation nach der Tradition des ehrwürdigen Ajahn Tong Sirimangola, dem hoch angesehenen Abt des Klosters „Wat Chomtong“ in Thailand, vermittelt. Ich meldete mich für die 2 Wochen vor Ostern an und war gespannt, was mich erwartet. Ein wenig nervös war ich schon, als ich losfuhr.

Andere Menschen fahren in die Sonne, an den Strand oder in die Berge oder sonstwohin, um ihren Urlaub zu verbringen. Ich begab mich freiwillig in den Rückzug. Ich, eine Langschläferin, begab mich freiwillig in einen Kontext in dem ich täglich spätestens um 4 Uhr früh aufstehen würde und bis frühestens 22 Uhr nichts anderes tun würde, als meditieren. Es war ein ständiger Wechsel zwischen Gehmeditation, Sitzmeditation, Pause, Gehmeditation, Sitzmeditation, Pause … Es gab Frühstück und Mittagessen und am Abend einen Pudding bzw. Yoghurt und ein Mal am Tag führte jede Person eine Arbeitsmeditation aus – Hilfe beispielsweise in der Küche, Arbeit im Garten oder im Haus. Und ein Mal täglich gab es ein Gespräch mit der Meditationslehrerin, um zu besprechen, wie es geht und eventuelle Fragen zu klären, die während der Meditationspraxis auftauchten.

Es war ein hartes Programm, welches viel Selbstdisziplin erforderte. JedeR praktizierte für sich alleine, denn es war keine feste Gruppe, in welcher alle an einem bestimmten Tag anreisen und bis zu einem bestimmten Tag bleiben. Es gab auch keinen festen Tagesplan – außer der festen Essenzeiten. Jeden Tag kamen neue Menschen dazu, andere reisten ab. Auch die Pausen wurden eigenständig eingehalten. Durch diese unterschiedlichen Anfangszeiten, waren auch die Meditationseinheiten-Längen sehr unterschiedlich. Wir konnten im Meditationssaal meditieren, in den Zimmern oder wenn es das Wetter zuließ im wundervollen Garten, beispielsweise auf der Plattform neben dem Teich.

Neben der Meditationslehrerin lebten 3 weitere Frauen mit im Haus, die für einen reibungslosen Ablauf sorgten und sich liebevoll um alles kümmerten. Sie standen auch rund um die Uhr zur Unterstützung zur Verfügung, falls es das brauchte.

2 Wochen gehen und sitzen

Für die Geh- und die Sitzmeditation gab es klare Aufgaben, die wir dabei zu erledigen hatten. Sie dienten dazu den Geist zu beschäftigen. Gleichzeitig sollten wir beobachten und innerlich notieren, was an Gedanken, Körperempfindungen oder Gefühlen auftaucht. Es ging darum es lediglich wahrzunehmen und sich keinesfalls darin zu verfangen. So als wäre ich lediglich eine Beobachterin, die betrachtet, welches Schauspiel sich da in ihr abspielt, ohne jedoch an diesem Schauspiel teilzunehmen. In zwei Wochen spielt sich enorm viel ab. Es war spannend mitzubekommen, welche Art von Gedankengängen immer wieder auftauchten, in verschiedensten Varianten. Mein Geist biss sich an manchen Themen fest und dann, nach einer der Pause, stürzte er sich dann – zu meiner eigenen Überraschung – auf ein gänzlich anderes Thema. Wer tagtäglich viele Stunden am Tag auf diese besondere Art geht und sitzt erkennt ohne weiteres immerwiederkehrende Muster.

Was ich verblüffend fand war auch, was mit körperlichen Schmerzen im Laufe der zwei Wochen bei mir passierte. Schmerzen im unteren Rücken beispielsweise, die mir in einer Pause so zugesetzt hatten, dass ich mich kaum aus der Hocke aufrichten konnte, lösten sich plötzlich in der Gehmeditation in Luft auf. Es machte von einem Moment auf den anderen wie „Plop“ und sie waren einfach weg. Ich war fasziniert. In der Sitzmeditation merkte ich eine Zeit lang, dass sich meine Atmung im Brustkorb wie eingeschnürt anfühlte. Das ging einige Tage so. Und dann kam auch dort, völlig unerwartet, plötzlich der Moment, als es wieder wie „Plop“ machte und dieser Ring, der wie ein einschnürender Ring um meinen Brustkorb gelegen hatte, war aufgelöst. Es fühlte sich an, als hätte ich plötzlich das doppelte Lungenvolumen. Ich hatte den Eindruck in meinem Leben noch nie so voll geatmet zu haben. Ich spürte auch innerlich, auf feinster Ebene, dass sich im Körper irgendetwas wieder zurechtrückte.

Es fühlte sich insgesamt an wie ein großer Reinigungsprozess. Dieser war bei jeder teilnehmenden Person etwas anders.

Auch die Gefühlslagen änderten sich immer wieder. Von Gelassenheit, über Langeweile oder genervt sein bis hin zu Heiterkeit, Beschwingtheit und tiefer innerer Ruhe war alles dabei.

Etwas, was mir in diesen 2 Wochen ganz deutlich vorgeführt wurde war: Im nächsten Moment kann es schon wieder ganz anders sein. Gefühle, Gedanken und Körperempfindungen kamen und gingen. Ganz willkürlich, unbeeinflussbar. Und ich betrachtete einfach.

Es gab Momente, in denen ich mich an meine Zeit als Leistungsschwimmerin erinnert fühlte. Damals zog ich meine Bahnen im Schwimmbecken, eine nach der anderen, hin und her – jetzt ging ich „meine Bahnen“ ab, von einem Ende des Raumes zum anderen und wieder zurück. Ich mußte zwischendurch schallend lachen und amüsierte mich darüber, zu was wir Menschen uns doch hinreißen lassen. Ich überlegte mir wie absurd das wohl für einen Außenstehenden aussehen müßte, wenn er Menschen stillschweigend in einem Raum bis zu einer Stunde am Stück immer hin und her gehen sieht, andere die still einfach mit geschlossenen Augen dasitzen. Es wurde übrigens die ganzen zwei Wochen geschwiegen – auch während der Pausen. Ausschließlich während des Gesprächs mit der Meditationslehrerin, als auch bei der Anweisung zur Arbeitsmeditation wurde geredet.

Es war eine intensive Zeit der Selbstreflexion.

Als ehemalige Leistungsschwimmerin dachte ich zwischendurch, dass meine damaligen täglichen Trainingseinheiten ein Klacks waren im Gegensatz zu dem, was ich in diesen zwei Wochen vollbrachte. Es gab Momente, wo meine Beine mich vor Erschöpfung und Müdigkeit nicht mehr trugen und ich auf allen Vieren meine Bahnen zog. Aber ich machte weiter. Das Gute an der Erschöpfung war, dass es in meinem Geist still wurde. So als wäre selbst mein Geist zu erschöpft, um zu denken oder mich in der Holzmaserung oder der verputzten Wand Bilder entdecken zu lassen.

Das Ergebnis der Selbstdisziplin

Am Ende war ich froh und stolz, dass ich es geschafft hatte. Ich hatte schon im Laufe der Tage mehr Gelassenheit entwickelt. Verhaltensweisen von Anderen, die mich anfangs geärgert hatten, perlten plötzlich an mir ab. Ich hatte so oft erfahren, wie schnell sich Gedanken, Schmerzen oder sonstige vom Geist wahrgenommene Dinge verändern können, dass ich wußte, dass ich nur etwas würde warten müssen, bis sich etwas anderes einstellt.

Alles ist vergänglich. Da mag es in einem Moment noch so dramatisch scheinen, früher oder später hat sich das Drama aufgelöst.

Als ich letztendlich am Ende des 15tägigen Grundkurses Abschied nahm und in den Zug stieg, war ich um einige Einsichten reicher und spürte eine tiefe Ruhe in mir. Es war ein Schock, wieder mit der „Zivilisation“ konfrontiert zu sein. Die vielen Menschen, die vielen Gerüche, die vielen Stimmen. Durch diesen 2wöchigen Rückzug ins Schweigen und die Meditation, war ich noch sensibler als zuvor. Ich war froh, dass ich die Osterfeiertage hatte, um diese besondere Erfahrung, für die ich dankbar bin und die ich nicht missen möchte, sacken zu lassen.

Ich weiß genau, wenn ich mal wieder einen Einblick darin haben möchte, wie mein Geist tickt und mich wieder an diese tiefe Ruhe anschließen möchte, sollte sie mir verloren gehen, dann werde ich mich wieder in diesen Kontext begeben, in dem ich Langschläferin freiwillig spätestens morgens um 4 Uhr aufstehe, um dann viele Stunden täglich in Stille hin- und herzulaufen und zu sitzen und mich verwöhnen lasse mit zwei köstlichen Mahlzeiten täglich.

Bis auf Weiteres werde ich diese Art der Meditation in meinen Alltag einbauen, zusätzlich zu meinen geliebten inneren Bilderreisen.

Gibt es etwas, was in dir eine tiefe innere Ruhe und Gelassenheit entstehen läßt? Über Kommentare und Rückmeldungen freue ich mich. Verwende dazu bitte das Kommentarfeld. Du hast Lust auf mehr Artikel von mir? Stöbere in meinem Archiv und abonniere meinen Blog. Alle zwei Wochen schreibe ich einen neuen Artikel. Dir hat dieser Artikel gefallen. Dann teile ihn bitte mit anderen.


luned, 17.aprile 2017

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Die Arbeit mit den Menschen die ich begleite, meine Partnerschaftserfahrungen, das Tango Argentino tanzen, alltägliche Erlebnisse und meine Reisen in andere Länder regen mich besonders zur Reflexion über Menschliches und Zwischenmenschliches an.
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Ein Kommentar

Franziska

Klingt sehr verlockend, anstrengend und interessant zugleich was du die letzten 2 Wochen erlebt hast.
Freue mich schon auf deinen Bericht morgen.
LG Franzi

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